Failla, M. (2016). Trieb, Wahrnehmung, Melancholie: eine Auseinandersetzung zwischen Freud und Husserl. In Patrizia Cipolletta (a cura di), Ethik und philosophische Praxis (pp. 73-84). Wurzburg : Koenighausen & Neumann.

Trieb, Wahrnehmung, Melancholie: eine Auseinandersetzung zwischen Freud und Husserl

FAILLA, Mariannina
2016-01-01

9783-826058615
a) Mein Beitrag setzt bei einem Vergleich zwischen der freudschen und der husserlschen Triebtheorie an, um ihre Unterschiedlichkeit herauszustellen und zu zeigen, dass diese von einer verschiedenartigen Auffassung der Wahrnehmungs¬tätigkeit abhängt. Bei Freud spielt die Wahrnehmung als Realitätsprinzip eine hemmende Rolle gegenüber dem halluzinatorischen Potenzial der primären intrapsychischen Vorgänge, das heißt dem sogenannten Lustprinzip. Anders gesagt geht die primäre psychische Dynamik des Ich leicht in einen Überbesetzungszustand (Halluzination) über, der die Unterscheidung zwischen Vorstellung (intrapsychischen mit Erinnerung gebunden Vorgängen) und Wahrnehmung der Außenwelt verhindert. Die Beziehung zur Außenwelt, das Realitätsprinzip, überträgt der Wahrnehmung die Aufgabe, das halluzinatorische Potenzial der intrapsychischen Vorgänge zu hemmen, und begünstigt die Entlastung durch Fluchtbewegungen (Freud, Entwurf einer Psychologie). b) Bei Husserl gibt es keinen konstituirenden Wahrnehmungsverlauf als Hemmung primärer, halluzinatorischer psychischer Vorgänge. Er betrachtet die Hemmung als eine Modalkategorie, sie gehört zu den “Modi” der Wahrnehmungserfüllung (Husserl, Erfahrung und Urteil). Deshalb ist die Hemmung keine wesentliche Bedingung für die Bildung einer perzeptiven und kognitiven Umwelt, sondern bringt die Modalität einer nicht vollen Erfüllung oder Befriedigung des Wahrnehmungsverlaufes zum Ausdruck und bahnt den besonderen Formen des Andersseins (der Negation, der Wahrnehmungsenttäuschung und so weiter) den Weg. Es handelt sich um Formen, die dazu beitragen, vom veränderlichen Verlauf des psychischen Lebens Rechenschaft abzulegen. Bei Husserl verbannt die Ich-Welt-Beziehung die Gefahr der Halluzination aus den konstitutiven normalen Dynamiken. Der Wahn (als bildhaft-halluzinatorische Beziehung zur Außenwelt) ist nur ein Sonderfall der normierten Erfahrung des empirischen Bewusstseins. Dieses Bewusstsein, das Ich-kann, erlebt die Außenwelt als kontingente Gewissheit, also als zwar nicht adäquate Gewissheit, aber – bei aller unendlichen Annäherung an die Apodiktik – als unzweifelhaften Glauben (Husserl, Erste Philosophie). c) Richtet man die Aufmerksamkeit schließlich auf die Freudsche Theorie der Melancholie, die in der Weltablehnung, als narzisstischer Rückzug des Selbst ausgelegt, einen wesentlichen Aspekt hat, so kann man behaupten, dass die phänomenologische Wahrnehmungstheorie keinen Keim einer narzisstischen und melancholischen Konzeption des Ich in sich trägt. Damit stellt sie den Nullpunkt der freudschen Theorie, das heißt deren Überwindung dar und so auch ein mögliches therapeutisches Potenzial.
Failla, M. (2016). Trieb, Wahrnehmung, Melancholie: eine Auseinandersetzung zwischen Freud und Husserl. In Patrizia Cipolletta (a cura di), Ethik und philosophische Praxis (pp. 73-84). Wurzburg : Koenighausen & Neumann.
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