Den Begriff „Darstellung“ verwendet Weber, ähnlich wie Benjamin und Adorno, im Sinne einer Darlegung einer (räumlichen) Struktur in einer Reihe von Begriffen historischer Phänomene. Der „Idealtypus“ erscheint als ein „Kosmos gedachter Zusammenhänge“, als ein „Grenzbegriff“, als eine utopische Konstruktion, die historischem Wissen Orientierung bietet und (sprachliche wie begriffliche) „eindeutige Ausdruckmittel“ bereitstellt. Als genetisches Konzept ist der „Idealtypus“ eine von einem System, einem Begriffskomplex, repräsentierte Idee und vermag die Kausalverknüpfungen, den Ursprung sowie die Entwicklung eines historischen Phänomens zu erfassen. Die – auch ihrer gemeinsamen Beziehung zu Rickert geschuldete – Affinität zwischen Benjamins und Webers Denken beruht auf ihrer nicht-deterministischen und fortschrittlichen Konzeption von kausalen Zusammenhängen. Das Ursachenbündel ist bei Weber eine Konstellation, die Idee des „Kapitalismus“ ergibt sich erst am Ende der historischen Untersuchung durch ein von einer regulativen Idee angeleitetes Begriffsgefüge. Die Weberschen „Idealtypen“ sind Konstellationen, „nicht nur begriffliche Fixierungen sondern eher Versuche, durch die Versammlung von Begriffen um den gesuchten zentralen auszudrücken, worauf er geht, anstatt ihn für operative Zwecke zu umreißen“ . Auf diese Weise veranschaulicht Adorno Webers Methode, indem er aufzeigt, wie sich um den noch nicht klar umrissenen Begriff des Weberschen „Kapitalismus“ eine Konstellation von Begrifflichkeiten zu dessen Abgrenzung und Definition gruppieren ließe: "So wird etwa der in jeder Hinsicht entscheidende Begriff des Kapitalismus, ähnlich übrigens wie bei Marx, von isolierten und subjektiven Kategorien wie Erwerbstrieb oder Gewinnstreben emphatisch abgehoben. Das vielberufene Gewinnstreben müsse im Kapitalismus orientiert sein am Rentabilitätsprinzip, an den Marktchancen, […], er bedürfe der Betriebsbuchführung und eines rationalen Rechtssystems gemäß dem den Kapitalismus durchherrschenden Prinzip von Rationalität überhaupt. […]. " Bei Benjamin ist die Kausalverknüpfung in einem Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Gegenwart im monadischen Phänomen begründet, im messianischen Moment des „Jetzt der Erkennbarkeit“. In Kapitalismus als Religion stellt Benjamin seine monadische Idee des Kapitalismus vor. Meine These lautet, dass Benjamin im Kapitalismus-Fragment eine monadische Idee, die Idee des Kapitalismus darzulegen versucht, so wie es Weber in seiner Ethik unternimmt, wobei die dabei verwendeten Begriffe der Darstellung vollkommen verschieden ausfallen. Dennoch scheint Benjamin seine Vorstellung eines „Idealtypus“ entwerfen zu wollen

Tagliacozzo, T. (2017). "Die "Konstellation" des Kapitalismus zwischen Walter Benjamin und Max Weber". In S.S. Mauro Ponzi (a cura di), Der Kult des Kapitals. Kapitalismus und Religion bei Walter Benjamin (pp. 363-379). Heidelberg : Winter.

"Die "Konstellation" des Kapitalismus zwischen Walter Benjamin und Max Weber"

Tamara Tagliacozzo
2017

Abstract

Den Begriff „Darstellung“ verwendet Weber, ähnlich wie Benjamin und Adorno, im Sinne einer Darlegung einer (räumlichen) Struktur in einer Reihe von Begriffen historischer Phänomene. Der „Idealtypus“ erscheint als ein „Kosmos gedachter Zusammenhänge“, als ein „Grenzbegriff“, als eine utopische Konstruktion, die historischem Wissen Orientierung bietet und (sprachliche wie begriffliche) „eindeutige Ausdruckmittel“ bereitstellt. Als genetisches Konzept ist der „Idealtypus“ eine von einem System, einem Begriffskomplex, repräsentierte Idee und vermag die Kausalverknüpfungen, den Ursprung sowie die Entwicklung eines historischen Phänomens zu erfassen. Die – auch ihrer gemeinsamen Beziehung zu Rickert geschuldete – Affinität zwischen Benjamins und Webers Denken beruht auf ihrer nicht-deterministischen und fortschrittlichen Konzeption von kausalen Zusammenhängen. Das Ursachenbündel ist bei Weber eine Konstellation, die Idee des „Kapitalismus“ ergibt sich erst am Ende der historischen Untersuchung durch ein von einer regulativen Idee angeleitetes Begriffsgefüge. Die Weberschen „Idealtypen“ sind Konstellationen, „nicht nur begriffliche Fixierungen sondern eher Versuche, durch die Versammlung von Begriffen um den gesuchten zentralen auszudrücken, worauf er geht, anstatt ihn für operative Zwecke zu umreißen“ . Auf diese Weise veranschaulicht Adorno Webers Methode, indem er aufzeigt, wie sich um den noch nicht klar umrissenen Begriff des Weberschen „Kapitalismus“ eine Konstellation von Begrifflichkeiten zu dessen Abgrenzung und Definition gruppieren ließe: "So wird etwa der in jeder Hinsicht entscheidende Begriff des Kapitalismus, ähnlich übrigens wie bei Marx, von isolierten und subjektiven Kategorien wie Erwerbstrieb oder Gewinnstreben emphatisch abgehoben. Das vielberufene Gewinnstreben müsse im Kapitalismus orientiert sein am Rentabilitätsprinzip, an den Marktchancen, […], er bedürfe der Betriebsbuchführung und eines rationalen Rechtssystems gemäß dem den Kapitalismus durchherrschenden Prinzip von Rationalität überhaupt. […]. " Bei Benjamin ist die Kausalverknüpfung in einem Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Gegenwart im monadischen Phänomen begründet, im messianischen Moment des „Jetzt der Erkennbarkeit“. In Kapitalismus als Religion stellt Benjamin seine monadische Idee des Kapitalismus vor. Meine These lautet, dass Benjamin im Kapitalismus-Fragment eine monadische Idee, die Idee des Kapitalismus darzulegen versucht, so wie es Weber in seiner Ethik unternimmt, wobei die dabei verwendeten Begriffe der Darstellung vollkommen verschieden ausfallen. Dennoch scheint Benjamin seine Vorstellung eines „Idealtypus“ entwerfen zu wollen
978-3-8253-6589-9
Tagliacozzo, T. (2017). "Die "Konstellation" des Kapitalismus zwischen Walter Benjamin und Max Weber". In S.S. Mauro Ponzi (a cura di), Der Kult des Kapitals. Kapitalismus und Religion bei Walter Benjamin (pp. 363-379). Heidelberg : Winter.
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